Der neue amerikanische Traum

Tag 2 unserer „Zukunftsreise“ führt uns ins Herz des Silicon Valley – in die Sandhill Road in Palo Alto. Auf diesem unscheinbaren Boulevard mit seinen Bungalos sitzen auf 3 km Länge alle großen Venture-Capital Firmen des Valleys. Pro Jahr werden hier rund 28 Mrd. USD an Finanzierungen für Start-Ups aufgestellt. Wir treffen Vertreter der Sandhill Business Angels und bekommen so Einsicht, wie sich Start-Ups finanzieren, um innerhalb kurzer Zeit von der Idee zum fertigen Produkt zu kommen.

Eine prototypische Start-Up Geschichte könnte so aussehen: auf der Standford-University stecken drei Studenten ihre Köpfe zusammen und haben eine Idee: es muss doch eine Möglichkeit geben, den mühsamen Filetransfer zwischen Menschen – vom Foto bis zu großen Business-Dokumenten – einfacher zu machen. Die Cloud soll dabei helfen. Sie treffen sich zunächst mit zwei, drei Business Angels – meist sehr wohlhabende Entrepreneurs des Silicon Valley, die selbst vor einigen Jahren ihre erfolgreichen eigenen Start-Ups verkauft haben – und testen ihre Idee. Sie lassen sich challengen, bekommen sofort vor Augen, wo ihre Idee gut ist und was sie eventuell übersehen haben. Die Business Angels stellen ihnen ihr Network zur Verfügung – Kontakte zu Playern, die ihnen helfen können. Und da den Business Angels die Idee gefällt, geben sie eine erste kleine Finanzierung (einige 10.000 Dollar) damit das Studententeam „in der Garage“ einen ersten Produkt-Dummy bauen kann. Keine drei Monate später steht die erste Version – und wird bei einem Investment-Pitch in 5 Minuten potentiellen Investoren vorgestellt. Die Idee gefällt – und eine erste Runde an Finanzierung von rund 500.000 Euro wird von Venture-Capital Firmen zur Verfügung gestellt. Dafür erhalten sie Anteile am Unternehmen.

Jetzt geht’s richtig los: unsere drei Studenten ziehen mit ihrer jungen Firma zu einem „Accellerator“ – große Bürogemeinschaften von Start-Ups die gemeinsam vom Know-How von ein paar alten Hasen profitieren. Jetzt wird mit Hochdruck am „Minimum Viable Product“ gearbeitet – der reduziertesten, ersten Variante eines vermarktbaren Produkts. Zeit und Geld sind knapp – innerhalb weniger Wochen muss das Produkt auf den Markt. Das Startkapital reicht gerade für einige Wochen an Produktentwicklung und Testing. Keine drei Monate später wird das Produkt schon mit friendly customern getestet – und durch das Feedback ständig verbessert. Unsere Gründer haben Glück – ihr cloud-service Drop-Box wird von Usern sofort geliebt – und verbreitet sich viral rasch in der Silicon Valley Community.

Jetzt ist klar – da entsteht was Großes. Jetzt folgt die zweite Finanzierungsrunde – jetzt geht es um Big Money um das Produkt weiterzuentwickeln und für den US Markt reif zu machen. Die großen Venture-Capital Firmen steigen mit zig Millionen ein, um das Wachstum zu ermöglichen. Sie machen dies aber nur, wenn sie dem Unternehmen zutrauen, irgendwann einmal mindestens ein Mrd. Dollar an Wert zu haben, alles darunter macht für sie keinen Sinn. Jetzt ist die Zeit der Selbstausbeutung bei den Gründern vorbei – man zieht in richtige Büros, stellt eigene Entwickler ein, baut das Marketing und Sales Team auf und zahlt sich auch selbst Gehälter aus. Das nächste Jahr muss sich zeigen, ob man das Business nicht nur groß machen kann, sondern auch Firmenstrukturen aufbauen kann, die langfristiges Wachstum und Profit ermöglichen werden. Wenn das gelingt, folgen weitere Finanzierungsrunden – wenn sich Hockey-Stick Wachstumskurven zeigen, wird es nicht an Geld von Kapitalgebern fehlen, um die ganze Welt zu erobern. Bei jeder Finanzierungsrunde sinkt der Anteil der Gründer an der Firma – wer es schafft, am Schluss mit 30% dazustehen, hat es sehr gut gemacht. Und irgendwann gibt es dann vielleicht den Exit – den Tag des großen Geldes für die Gründer und Investoren. Nach durchschnittlich 7 Jahren gehen erfolgreiche Start-Ups an die Börse – oder sie werden an einen der Big Player (Google, Facebook) verkauft. Venture Capital Geber sind dann zufrieden, wenn sie in diesem Zeitraum ihr eingesetztes Kapital verdoppelt haben – sie rechnen also mit einer Rendite von 7.5 Prozent pro Jahr!

Wie viele Start-Up Teams werden so erfolgreich wie Drop-Box ? Aktuell gibt es im Valley rund 28.000 Start-Ups, die eine erste Basisfinanzierung erhalten haben. 45% davon werden in 3 Jahren noch operativ tätig sein. Und nur wenige Dutzend werden zu echten Cash-Cows werden.